Vorrede

22. Dezember 2008

(Neufassung Juli 2012)

Hüte dich, bleib wach und munter! Joseph von Eichendorff

Mit den auf diesen Seiten in unregelmäßiger Folge erscheinenden Texten soll etwas weitergeführt werden, das ein Freund des Verfassers, der 2006 verstorbene Harald von Rappard, auf seiner Homepage unter dem Titel „Gegen den Strich“ (http://haraldvonrappard.de) begonnen hat.  Wie der Titel schon andeutete, lag der Antrieb zu den unter ihm zu findenden Wortmeldungen nicht in der Affirmation. Auch der nachfolgende Blog „Salon Ockham“ verfolgt eine kritische Intention. Den in ihm veröffentlichten Beiträgen liegt das Bestreben zugrunde, sich einem verhängnisvollen Trend, einer verheerenden Tendenz entgegenzustellen. Die Rede ist von Versuchen, eine Art gegenaufklärerisches „Roll-back“ einzuleiten. Auf die irrationalistische Tradition zurückblickend sprach Georg Lukács von der „Zerstörung der Vernunft“. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Wieder muss die Art und Weise, in der sich das Glaubensbedürfnis mancher Zeitgenossen Bahn zu brechen beginnt, Besorgnis hervorrufen, wenn man der Fähigkeit zu zweifeln mehr vertraut als dem Glauben und es für wahrscheinlich hält, dass sie der Humanität im Laufe der Geschichte bessere Dienste erwiesen hat. Wer felsenfest glaubt, zögert nicht, den Scheiterhaufen anzuzünden; wer zweifelt, wird die Fackel nur in die Hand nehmen, um damit dunkle Winkel auszuleuchten. Die Tendenzen, auf welche die Textproduktion in diesem Blog reagiert, lassen sich mit den Worten Hegels wie folgt beschreiben:

„Indem jener (der Vertreter einer sentimentalen Erbauungsphilosophie, R. S.) sich auf das Gefühl, sein inwendiges Orakel, beruft, ist er gegen den, der nicht übereinstimmt, fertig; er muss erklären, dass er dem weiter nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle; – mit anderen Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füßen. Denn die Natur dieser ist, auf die Übereinkunft mit anderen zu dringen, und ihre Existenz nur in der zustande gebrachten Gemeinsamkeit der Bewusstsein[e]. Das Widermenschliche, das Tierische besteht darin, im Gefühle stehenzubleiben und nur durch dieses sich mitteilen zu können.“ Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831): Phänomenologie des Geistes, Hamburg, o. J., S. 78.

Hegel rechnet hier mit dem romantischen Zeitgeist ab. Man muss die Romantik nicht – wie es beispielsweise Peter Hacks tut – pauschal verdammen, wenn man dieser Kritik mit Blick auf heute um sich greifende Moden zustimmt. Die irrationalistischen Geistesrichtungen, von welchen die dem Denken Entwöhnten sich allenthalben umnebeln und, auf solche Art orientierungslos gemacht, einnorden lassen, sind äußerst verdächtigen Ursprungs. Der Verfasser will ihnen an dieser Stelle auf zweierlei Weise zu Leibe rücken: Auf angeblichen Offenbarungen oder Erleuchtungen beruhende Thesen oder Überzeugungssysteme sollen nicht nur hinsichtlich ihrer logischen Konsistenz, ihrer inneren Stimmigkeit überprüft werden, sondern es sollen auch die Traditionslinien zurückverfolgt werden, denen sie ganz oder in Bruchstücken entstammen. Die Darstellungsform muss sich dabei nicht unbedingt an die Schrittfolge der Untersuchung halten; sie kann sich auch ästhetischen Maßstäben fügen.

Man kann einwenden, dass man jemanden, mit dem es so weit gekommen ist wie mit den Objekten der geplanten Analysen, mit vernünftiger Kritik überhaupt nicht mehr erreicht. Aber wer sich in fragwürdige Bewegungen eingereiht hat, kann nach seiner intellektuellen Kapitulation nicht auf Proselytenmacherei verzichten. Nur ein mit anderen geteilter Glaube kann die Illusion vermitteln, unbezweifelbar zu sein. Nur wer einer ständig wachsenden Masse anzugehören glaubt, kann die unvermeidlichen Zweifel niederhalten. Bei seinen Versuchen, zum Wachstum der Masse beizutragen, ist er auf einen Restbestand von Begründungen angewiesen. Hier setzt der bewährte „Voraussetzungsminimalismus“ an, der unter dem Namen „Ockhams Rasiermesser“ bekannt ist. Die Objekte einer mit Hilfe dieses Bestecks formulierten Kritik reduzieren zwar in sträflicher Weise den Umfang rechtfertigender Aussagen. Ihr unausgesprochener Aufwand an ungeprüften bzw. nicht überprüfbaren Voraussetzungen ist diesem jedoch umgekehrt proportional. Wer den Grundsatz „pluritas non est ponenda sine necessitate“ missachtet, wird es schwer haben, unter der Vielzahl der wüst zusammenphantasierten Behauptungen noch so etwas wie logisch haltbare Beziehungen zu sichern.

Das Operieren mit „Ockham’s razor“ ist ein Test auf intellektuelle Redlichkeit. Sie ist ein Anspruch, der sich gleichermaßen an den Gegenstand der Kritik richtet wie an ihr Subjekt. Ihre Artikulation soll einer Moral des sprachlichen Ausdrucks dienen, einer Disziplin des vernünftigen Redens. Inbegriffen ist dabei die Rechenschaft über pragmatische Implikationen. Im Vordergrund steht zunächst die Auseinandersetzung mit Begriffen, die im unreflektierten Sprachgebrauch heruntergekommen sind oder deren mangelnde Satisfaktionsfähigkeit immer weniger bemerkt wird.

Verständlicherweise kann es bei einem bloß sprachkritischen Versuch, etwas zur Weiterführung einer skeptischen Tradition beizutragen, nicht bleiben. Wer Worte befreien oder die Sprechenden von ihnen befreien will, muss sich auch der Werkzeuge der Befreiung vergewissern. Intellektuelle Befreiung hebt nicht mit Gewissheit an, sondern mit Ungewissheit, und sie muss im Fortgang Unsicherheit zulassen. Der in der genannten skeptischen Tradition kultivierte Zweifel geht jedoch nicht weit genug, solange er sich lediglich an einem Denken abarbeitet, das mitsamt seinem Ausdruck durch die Irrationalität der Umstände Schaden genommen hat. An der Auseinandersetzung mit diesen Umständen kommt man nicht vorbei. Es war Karl Marx, der den folgenden Satz zu seiner Devise erklärte:

„De omnibus dubitandum.“

Sein Zweifel galt nicht nur Theorien, sondern auch dem, was sich in ihnen spiegelte. Gerade die Radikalität dieses Zweifels, der sich beispielsweise von der konservativeren Skepsis eines Montaigne unterscheidet, lässt es für manche unangemessen erscheinen, Marx in eine skeptische Tradition einzureihen. Für den Marx, der bestritt Marxist zu sein, dürfte das aber nicht allzu schwer fallen. Kein Begriff hat für sein Werk eine so zentrale Bedeutung wie der Begriff der Kritik. Sie richtete sich gegen herrschende Meinungen wie gegen herrschende Verhältnisse, geistige wie materielle Gegebenheiten, die sich durch nichts legitimierten als durch das, was sie ihrem Wesen nach waren: Ausdruck oder Formen von Herrschaft. Es handelte sich um nichts anderes als die Fortschreibung des Programms der Aufklärung. Ihr Instrument, die Kritik, ist ohne eine skeptische Grundhaltung nicht denkbar. Sie besteht in der Treue zu dem Prinzip, dass es die Behauptungen und angeblichen Glaubenswahrheiten sind, die der Rechtfertigung bedürfen, und nicht etwa der Zweifel an ihnen: Der Glaubende ist in der Beweispflicht, nicht der Zweifler. Wer seine nur aus Verlegenheit noch so zu bezeichnenden Überzeugungen nach dem bei Hegel beschriebenen Muster begründet, sollte damit nicht davonkommen. „Ockham’s razor“ soll verheimlichte unhaltbare Voraussetzungen freilegen, soll sie bis in ihre absurden Schlussfolgerungen hinein verfolgen und so der Kritik zugänglich machen.

Auch ein weihrauchdurchwaberter „cordon sanitaire“ kann hier keine Grenze markieren. Das Risiko, sich den mittlerweile gängigen Vorwurf eines „Fundamentalismus der Aufklärung“ zuzuziehen, ist zu vernachlässigen. Dieser Kampfbegriff mag ein Widerspruch in sich sein. Wichtiger ist es aber, die Immunisierungsstrategie zu durchschauen, die sich hinter ihm verbirgt, Den Tabus, die mit Hilfe einer Verteufelung aufklärerischen Denkens aufgestellt werden sollen, wird die Anerkennung verweigert.

Ernst zu nehmen ist hingegen Wittgensteins die Marxsche Devise relativierender Einwand, dass ein Zweifel an allem „nicht einmal ein Zweifel“ ist. Daran ist richtig, dass jeder Zweifel eine Art dogmatischen Kern im Sinne eines archimedischen Punkts benötigt. Es kann keine Kritik geben, welche die eigenen Maßstäbe negiert, und es ist kein qualifizierter Zweifel möglich, der sich aller Gewissheitskriterien entledigt hat. Die Überzeugung, dass Zweifel eine gute Sache ist, dürfte daher nicht genügen. Aber der Autor dieser Zeilen ist sich getreu dem Ockhamschen Sparsamkeitsprinzip wenigstens eines Grundsatzes sicher: Wenn es schon unvermeidlich ist, das eine oder andere zu glauben, sollte es möglichst wenig sein. Was dieses Wenige für ihn ist, wird sich, sofern es sich nicht schon im anfänglichen Hegel-Zitat angedeutet hat, in den an diesem Ort veröffentlichten Essays allmählich zeigen müssen. Das Wortspiel im Namen „Salon Ockham“ lässt die etwas ironische Vorstellung eines rasiermesserschwingenden Barbiers aufsteigen. Andererseits erinnert der Name auch an den Salon als einen Ort des philosophischen Gesprächs. Wenn es möglich sein sollte, in einem solchen in Kommentaren ausgetragenen Gespräch jenem archimedischen Punkt näher zu kommen, hätte der Salon seinen Zweck erfüllt. Im Interesse dieses Ziels sind Debattenbeiträge willkommen.

Zum Repertoire dieser Seite gehören seit 2014 einige wenige autobiographische Erzählungen. Sie passen vielleicht nicht ganz zu der Mehrheit der übrigen Texte. Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie zu denken geben.

Link: Website von Christiane Sturm 

Rudolf Selbach

Der Barbier, der alle Männer rasiert, die sich nicht selbst rasieren, bleibt ein Rätsel. Dieses Foto ist ganz offensichtlich keine Lösung.

Lernen, Altern, Verlernen

7. Oktober 2026

Rede auf einem Klassentreffen


Bei unserem letzten Treffen kam ein Gedanke zur Sprache, der mich in meinem Leben oft beschäftigt hat. Das ist kein Wunder, denn er hatte mit meinem Beruf zu tun. Er galt bestimmten Lehrpersonen, denen ich als Heranwachsender ausgesetzt war, ebenso wie später manchen Kollegen, die als „harte Knochen“ gefürchtet waren. Artikuliert wurde jener Gedanke nicht nur von einem bestimmten Elterntypus, sondern auch von manchen Schülern. Es handelte sich um die Abwehr naheliegender Kritik. Nachdem zunächst konzediert wurde, dass es sich um Vertreter einer recht furchteinflößenden Bracchialpädagogik handelte, folgten regelmäßig die Worte: „…aber bei dem lernt man was!“ – womit die Rechtfertigung der allereinfachsten Methode der Herstellung von Lerndisziplin gegeben wurde, das erzieherische Angstregime.
Ich bin jetzt 15 Jahre aus dem Geschäft. Wie viel von einer Einschüchterungspädagogik heute noch übrig ist, weiß ich nicht so genau. Dass Lernen nicht immer nur Spaß machen kann, anstrengend sein darf, dabei bisweilen sogar Langeweile überwunden werden muss, ist mir nach wie vor bewusst. Die Überwindung unvermeidlicher psychischen Barrieren kann immer noch gelingen, wenn Bildungserlebnisse nicht auf rein hedonistische Erwartungen treffen, und dafür wird der Grund nicht erst an der Schule gelegt. Das früher zur Rechtfertigung von Prügeln, aber später dann auch auch subtilerer Formen von Gewalt angeführte Bibelzitat („Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn“), von zahllosen Elterngenerationen verinnerlicht, war dabei keine Hilfe. Und andere Quellen als die Bibel erfahren oft Fehldeutungen.
Goethe lässt „Dichtung und Wahrheit“ das euch allen noch bekannte Menander-Zitat als Motto vor­ausgehen: «Ὁ μὴ δαρεὶς ἄνθρωπος οὐ παιδεύεται.» Er hat es gewiss nicht als Freibrief für eine Päd­agogik verstanden, die Bildungsanstrengungen nur lohnend erscheinen lässt, weil der Zögling durch Willfährigkeit vermeiden kann, Objekt der als Drohung ständig gegenwärtigen Gewalt zu werden, sei sie nun physischer oder psychischer Natur. Die metaphorischen Beulen, Blasen und Blutergüsse, die man sich im Lebensprozess unweigerlich einhandelt, machen eine ganz andere Erziehung aus, als durch sadistische Praktiken zugefügte Deformationen.
Das alles bringt mich auf einen Begriff, der vielleicht nicht allgemein geläufig ist: den so genannten „heimlichen Lehrplan“, also (so die KI auf der Basis von Wikipedia) „die unbeabsichtigte oder im­plizite Vermittlung von Werten, Normen, Verhaltensweisen und Machtstrukturen in Schulen oder Universitäten, die nicht im offiziellen Lehrplan stehen“.
Damit das nicht zu abstrakt wird, hier eine Erinnerung an meine Grundschulzeit an der katholischen Volksschule am Rather Kreuzweg. Meine erste Lehrerin, ein Fräulein Schatz, ein ganz besonderes Schätzchen, nämlich eine grässliche bigotte alte Schachtel, pflegte vermeintlichen Übeltätern mit dem ausgeleerten hölzernen Griffeldöschen den Hintern zu versohlen. Zuvor veranstaltete sie unter den Kindern einen mir immer noch denkwürdigen Wettbewerb: Der strafwütigen Steißtrommlerin streckten sich dabei eifrige Kinderhände entgegen, die ihre Holzdöschen anboten. Die gnädige An­nahme des eigenen Mehrzweckprügels wurde als hohe Auszeichnung empfunden und sein Einsatz mit Genugtuung verfolgt.
Die Erfolge von Fräulein Schatz bei der Vermittlung der offiziellen Lerninhalte waren, glaube ich, überschaubar. Aber an dem Schauspiel, das ihr der geschilderte Wettbewerb um die Zulassung zu jener Form der Strafassistenz bot, dürfte sie ihre Freude gehabt haben. Sie wird den Teilnehmern daran, zu denen ich übrigens nicht gehörte, nach Maßgabe des dabei an den Tag gelegten Eifers sicher eine günstige Prognose gestellt haben.
Die im Verhalten meiner damaligen Mitschüler zum Ausdruck kommende Mentalität ist schwerlich vereinbar mit den hehren Erziehungszielen heutiger Richtlinien und Lehrpläne. Sie formulieren es vielleicht nicht ausdrücklich, aber sie schließen immerhin etwas nicht aus, auf das damals nicht gerade leicht zu kommen war: Solidarität.
Inzwischen ist es eine Binsenweisheit, dass Angst eine Verursacherin nachhaltiger Lernblockaden sein kann. Nicht zu reden von anderen Nebenwirkungen, die sich in heimliche Lehrpläne unauffällig einfügen.
Aber es gibt – kommen wir zu weiterführenden Schulen und Universitäten – noch heimliche Lehr­pläne anderer Art. Von „geheimen“ oder „verheimlichten Lehrplänen“ kann man in diesem Fall eigentlich nicht sprechen, und das Wort „verboten“ trifft die Sache auch nicht ganz. Auch hier hilft ein Beispiel: Vor ein paar Monaten erschien ein neues Buch des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Stephen Greenblatt in deutscher Übersetzung: „Dunkle Renaissance. Wie Shakespeares größter Rivale Christopher Marlowe die Konventionen sprengte und die Literatur revolutionierte“.
Es ist die faszinierende Geschichte eines Schusterssohns aus Canterbury, der ausgesucht wurde, sich an der Lateinschule und in Cambridge auf den Stand eines biederen Pfarrers vorzubereiten, doch trotz akademischen Abschlusses keine Pfarrstelle antrat. Stattdessen machte er Karriere als antikatholischer Agent des elisabethanischen Geheimdienstes. Vor allem aber riskierte er als Autor des ersten Faust-Dramas der Literaturgeschichte Kopf und Kragen.
Es gibt einen biographischen Roman des „Clockwork Orange“-Autors Anthony Burgess über Mar­lowe, dessen deutscher Titel vom Originaltitel („A Dead Man In Deptford“) abweicht: Er lautet passenderweise: „Der Teufelspoet“. Was man mit Marlowe vorhatte, war gründlich nach hinten losgegangen. Der für ihn geplante Aufstieg endete in der Perspektive der Zeitgenossen im Verbotenen, ja Verruchten. Der Zugang zum nur als Übungsmaterial gedachten klassischen Repertoire machte es möglich, dass der Beitrag eines schwulen Atheisten zur Weltliteratur noch heute so manchen braven Zeitgenossen irritiert.
Das entsprechende Beispiel aus der deutschen Literatur ist 200 Jahre jünger. Die Rede ist von Fried­rich Hölderlin. Auch Hölderlin hatte als Zeitgenosse der Französischen Revolution an den repressi­ven, aber nicht anspruchslosen Bildungseinrichtungen des Herzogtums Württemberg gewisserma­ßen „gegen den Strich“ studiert. Folgerichtig kam der Pfarrerberuf, für den er vorgesehen war, für ihn nicht mehr in Frage. Er weigerte sich, wie er sagte, „ein brauchbarer Mensch“ zu werden. Über sein Jakobinertum, hörten wir in unserem Deutschunterricht nicht allzu viel. Aber wer das von ihm zusammen mit Hegel verfasste „älteste Systemfragment des Deutschen Idealismus“ liest, kommt darüber ins Staunen, dass die lange gängige Interpretation von Hölderlins Dichtung deren revolutionäre Botschaft weitgehend unterschlug.
So ist es kein Zufall, dass der Verlag, in dem Mitte der 1970er Jahre ein neue kritische Ausgabe sei­ner Werke erschien, den Namen „Roter Stern“ trug. Die Ausgabe war ein 68er Projekt. Die Lernen­den an den Universitäten hatten sich aus der Erstarrung der Nachkriegsjahre gelöst und, um mit Marx zu sprechen, die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen gebracht. Im Bestreben, an die Tradition der Arbeiterbewegung anzuknüpfen, hatte die Studentenbewegung sich dann noch zu allem Überfluss in den Dienst der sozialistischen Idee zu stellen versucht.
Mit 1968 verbinden wir heute die historische Chance für eine ganze Generation, sich von etwas zu befreien, das sie in großen Teilen einer Schwarzen Pädagogik à la Schatz verdankte, deren Ziel die Einübung in die Identifikation mit dem Aggressor gewesen war. Die Weigerung der Achtundsechziger, kritiklos die gesellschaftlichen Rollen zu übernehmen, für die sie Bildungs- und Ausbildungsorgane ursprünglich hatten vorbereiten sollen, setzte einen fruchtbaren gesellschaftlichen Reflexions- und Lernprozess in Gang. Es wurde nicht selten unterdrücktes Wissen zutage gefördert, dessen Verbreitung für Teile der Machteliten wenig erwünscht war, noch dazu nicht ohne vorübergehende Begleiteffekte für das gesellschaftliche Kräfteverhältnis.
Außerdem machte es selbstverständlich Spaß, von sich sagen zu können: „Wir sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben.“ In Künstlern und Intellektuellen fand man Förderer und Verbündete. Aber der optimistische Schwung, mit dem man angetreten war, hatte seine Tücken. Zu sehr war man davon überzeugt, für eine unbezweifelbar gute Sache einzutreten. Man begann Glau­bensstärke als Tugend zu betrachten und setzte mehr und mehr die emanzipatorischen Maßstäbe se­lektiv ein. Vor den Entwicklungen, die revolutionäre Bewegungen leider nur allzu oft nehmen, ver­schloss man die Augen. Die Formel für eine solche Tendenz stammt von dem englischen Dichter William Blake, einem ursprünglichen Sympathisanten der Französischen Revolution:

„The iron hand crushed the tyrant’s head
And became a tyrant in his stead.“

Als Hans Magnus Enzensberger sich unter dem Eindruck der Verfolgung seines Kollegen Heberto Padilla von der kubanischen Revolution verabschiedete, galt er denen, die ihn zuvor in ihren Reihen willkommen geheißen hatten, als Verräter. Er hatte mit dem Recht des Älteren aus Erfahrungen seine Schlussfolgerungen gezogen. Wer glaubte, sich an die klammern zu müssen, von denen Enzensberger sich getrennt hatte, wollte ihm das nicht verzeihen. Seine Kritiker klagten damit etwas ein, das in Schillers „Don Carlos“ der Marquis Posa als Forderung vertritt, wenn er dem Titelhelden durch die Königin ausrichten lässt:

(…) Sagen Sie
Ihm, dass er für die Träume seiner Jugend
soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,
Nicht öffnen soll dem tötenden Insekte
gerühmter besserer Vernunft das Herz
Der zarten Götterblume – dass er nicht
Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit
Begeisterung, die Him­melstochter, lästert.
(4. Akt, 21. Auftritt)

Hier haben wir es mit einem Zwiespalt zu tun: Einerseits ist Vernunft für den Sprecher nur „ge­rühmte bessere Vernunft“, also nur der Rede nach vernünftig, und Weisheit „des Staubes Weisheit“, also verstaubt, während Begeisterung, „die Himmelstochter“, als gleichsam letzte Instanz erschei­nen muss. Das ist irrational. Andererseits gibt es den Verrat an den in der eigenen Jugend vertrete­nen Idealen ja nicht selten wirklich. Es gibt das unbezweifelbare Recht des Alternden hinzuzulernen, aber es kann nicht jedes Nachgeben gegenüber dem Nichthinnehmbaren als erfolgreicher Lernprozess gefeiert werden.
Enzensberger hatte sein „Adios“ an die kubanischen companeros mit einem recht schroffen Urteil über den Sozialismus beschlossen: „Das kann nicht funktionieren.“ In der Tat haben sich Marktwirtschaften gegenüber Kommandowirtschaften als überlegen erwiesen, und zwar durch eine enorme Lernfähigkeit, welche die immer wieder überraschende Anpassung an wechselnde, auch oft unvorhersehbare Situationen möglich machte. Systemtheoretiker sprechen in diesem Zusammenhang von der Fähigkeit zur Kontingenzbewältigung.
Aber das gesellschaftliche Teilsystem Wirtschaft hat in seiner spezifischen Codierung durch das Medium Geld ein Problem, dessen Tragweite sich erst allmählich zeigt. Systeme sind nach Luh­mann selbstreferentiell, sie verstehen nur sich selbst. Die Irritationen, die die Wirtschaft über die durch das System Wissenschaft produzierte Wahrheit erreichen, können systemintern nur gemäß der Kontingenzformel Knappheit verarbeitet werden. Alles andere wird nicht in das System integriert, oder für Nichtluhmannianer ausgedrückt, nicht oder zu spät erkannt. Wenn wir dabei an die Erkenntnisse über unsere natürlichen Lebensgrundlagen denken, können wir leicht zu einer Antwort auf Enzensbergers Urteil über den Sozialismus kommen. Das Urteil über den Kapitalismus würde dann lauten: Das kann nicht gutgehen.
Auf der einen Seite steht die Tatsache der Begrenztheit der natürlichen Ressourcen auf der anderen ein m. E. vollkommen evidenter Satz aus dem vierten Kapitel von Marx’ „Kapital“. Es heißt da: „Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos.“ Wenn ein solches Missverhältnis besteht, ist voraussehbar, dass die künftigen Lernprozesse der kapitalistischen Wirtschaft auf „Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“ hinauslaufen werden. Man kann sich bekanntlich eher den Untergang der Welt vorstellen als den Untergang des Kapitalismus. Aber genau genommen würde dann der Kapitalismus nicht einfach vom Weltuntergang mitgerissen. Er würde ihn veranstalten. Als letztes Resultat von Lernprozessen der genannten Art.
Das Scheitern des Sozialismus ist darum kein Grund zur Freude. Heiner Müller fasste die nachwirkenden Irrungen des 20. Jahrhunderts wie folgt zusammen: „Es gab einen Versuch, Marx zu widerlegen. Initiator dieses Versuchs war Lenin. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist dieser Versuch gescheitert.“ Das ist eine Antwort auf Ernst Blochs Parole: „Ubi Lenin, ibi Jerusalem“, und sie ist niederschmetternd. Denn dem wiedererstandenen Marx fehlt etwas Entscheidendes: die Hoffnung, die sich mit seiner Lehre einmal verband. Nach dem Scheitern des konkurrierenden Gesellschaftsentwurfs kann der Kapitalismus sich jetzt den Abriss der sozialstaatlichen Einhegungen leisten, die zuvor die Attraktivität einer radikalen Alternative minderten.
Die neoliberale Herrschaft eines totalen Marktes ist aber längst nicht das letzte Wort. Inzwischen darf man sich fragen, ob man im Zusammenhang mit rechtslibertären Tech-Oligarchen wie Musk und Thiel mit ihrer von Ayn Rand und Curtis Yarvin geprägten Ideologie von Tech-Feudalismus sprechen soll oder gleich von Tech-Faschismus. Denn dass die einschlägigen Herrschaften die Demokratie in die Tonne treten wollen, halten sie nicht einmal geheim.
Sie weisen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den Superbösewichtern in James-Bond-Filmen auf. Ein solcher Ausflug in die Trivialkultur fördert ein durchaus realistisches Feindbild in Gestalt neuer Blofelds zutage. Die Sache hat nur einen Haken: Ein James Bond, der regelmäßig den erledigt, der nach so viel Macht strebt, wie niemand auf der Welt haben sollte, existiert nicht. Er ist so wenig real wie unter den gegebenen Umständen jene Klasse, die – einmal ihrer selbst als Klasse bewusst geworden – die eigene Unterdrückung nur aufheben kann, wenn sie Unterdrückung schlechthin aufhebt. Das so dringend benötigte revolutionäre Subjekt also.
Versuche, Ersatz zu schaffen, waren bisher nicht überzeugend. Befreiung kam nicht dabei heraus, wenn man die Arbeit an selbst ernannte Befreiungsbewegungen delegierte, die man vielleicht als Spender und durch Parteinahme unterstützte. Weil man dabei wieder einmal nicht aufpasste, bescherte uns die postkoloniale Theorie noch Antisemitismus als Kollateralschaden. Und der woke Versuch, die vermeintlich Erniedrigten und Beleidigten des Westens in einem intersektionellen politisch korrekten Puzzle zu vereinen, endete in den verantwortungslosen Kindereien narzisstischer Identitätspolitik.
In der Lyrikanthologie, die wir einst für den Deutschunterricht in der Oberstufe anschafften, findet sich auf Seite 451 ein Gedicht von Karl Krolow mit dem Titel: „Verlassene Küste“. Das als Motto vorangestellte Zitat ist von Petronius. Es lautet: „Wenn man es recht besieht, so ist überall Schiffbruch.“ So könnte man die Altersbilanz unserer Generation beschreiben – unbeschadet glücklich verlaufener Biografien in einzelnen Fällen.
Der 80jährige Julian Barnes schreibt am Ende seines, wie er sagt, definitiv letzten Buchs:

„(…) es liegt ein (…) negativer Trost darin, was mir möglicherweise erspart bleibt: das Verbrennen der Welt, während die Machthaber untätig wegschauen; die reale Möglichkeit eines nuklearen Winters, ob versehentlich oder bösartig herbeigeführt; die potentielle Zerstörung der Demokratie (…); und das gnadenlose Niederwalzen des Altruismus durch die Selbstsucht. Die Zukunft sieht apokalyptisch aus (…).“

Hoffen können wir immerhin noch mit Alexander Kluge auf die Lücke, die der Teufel lässt.